Sisteron 2008 Drucken
Geschrieben von: Günter Reiser   
Montag, den 19. Mai 2008
Im Parcours
Im Parcours in ca. 3300 m Höhe, bei minus zehn Grad

Sisteron liegt im Zentrum der Provence, im Tal der Durance. Um Sisteron zu erreichen war deshalb zunächst eine Fahrt von über 850 Kilometer zu bewältigen. Wir starteten um 07:30 Uhr in Pleidelsheim und erreichten Sisteron um 21:30 Uhr. Die Strecke führte uns über Singen, Schaffhausen, Zürich, Bern, Lausanne, Geneve, Chambery und Grenoble nach Sisteron. Nachdem wir die Segelflugzeughänger auf dem Flugplatz abgestellt hatten, bezogen wir unsere Räumlichkeiten im altehrwürdigen Herrenhaus »Domaine de Fombeton«. Nach einem kleinen rustikalen Abendessen fielen wir in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Die Tage begannen nun immer gleich: Um 8.30 Uhr Frühstück mit einem Frühstücksbuffet nach dem Motto »Was das Herz begehrt«. Um 10:00 Uhr Briefing in den Flugvorbereitungsräumen am Flugplatz. Hier wurden die täglichen Wetterentwicklungen aufgezeigt vom Mont Blanc-Gebiet bis nach Marseille und vom Rhône-Tal bis in die Po-Ebene. Aber auch Flugsicherheitsregelungen am Flugplatz und bei Außenlandungen wurden dreisprachig besprochen.

Nach dem Briefing wurden die Segelflugzeuge mit Batterien, Flugrechner und Fallschirmen bestückt. Jeder Pilot stattete sich, je nach selbstgestellter Tagesaufgabe, mit Ess- und Trinkrationen, warmer Kleidung und Fußsohlenheizung aus.

Es konnte täglich von 12:00 Uhr bis ca. 20:30 Uhr geflogen werden, je nach Tagesaufgabe und Sitzfleisch. Ab 12:00 Uhr starteten die Segelflugzeuge teilweise im Minutentakt per Flugzeugschlepp. Am Start standen über 40 Segelflugzeuge, die mit drei Schleppmaschinen in ca. 800 Meter Höhe geschleppt wurden, so dass zwischen 14:00 Uhr und 18:00 Uhr der Flugplatz wie ausgestorben wirkte. Zunächst muss am Hausberg, in thermischen Aufwinden, Höhe gewonnen werden, etwa 2.000 Meter. Diese Höhe war notwendig, um an einigen Hängen entlang und über verschiedene Täler hinweg zum Parcours zu fliegen. Der Parcours ist der nächstgelegene schneebedeckte Gebirgszug östlich von Sisteron. Auf dieser Strecke muss immer wieder Höhe gewonnen werden, denn der Einstiegsberg im Parcours ist immerhin 2.740 Meter hoch. Wenn die Sonne richtig steht und der Wind aus der richtigen Richtung bläst kann man jetzt etwa 40 Kilometer weit gleiten, ohne einen einzigen Kreis zu fliegen, und dabei noch etwa 1.000 Meter an Höhe gewinnen. Diese Technik konnten wir an fünf Flugtagen an den verschiedensten Berg- und Gebirgszügen anwenden, so dass wir am Ende des Fluglagers mit unseren drei Segelflugzeugen insgesamt ca. 65 Flugstunden und 3.800 Kilometer Flugstrecke in den Flugbüchern stehen hatten. Dies war weit mehr, als jeder von uns es sich erhofft hatte. An drei Flugtagen betrug die Flugsicht über 100 Kilometer, so dass wir bequem das Mittelmeer bei Marseille erblickten und sämtliche Gebirgszüge in einer traumhaften Klarheit vor uns lagen. Wenn man Wetterlagen in solcher Qualität über Tage hinweg erleben darf, dann macht das Segelfliegen einfach nur Lust auf mehr. Außerhalb der Fliegerei konnten wir internationale Kontakte knüpfen, denn neben unseren französischen Gastgebern waren noch englische, belgische, schwedische, schweizerische, italienische und luxemburgische Segelflieger anwesend.

Beim Schlemmen
Beim Schlemmen.

An den zwei Tagen, an denen wetterbedingt nicht geflogen werden konnte, besuchten wir Sehenswürdigkeiten z. B. den Markt und die Zitadelle in Sisteron, das historische Städtchen Moustiers-Sainte-Marie am Stausee Lac de Sainte Croix, entspannten an ausgedehnten Lavendelfeldern, besichtigten per Auto einen sehr schwierig anzufliegenden Gebirgsflugplatz und durchfuhren die malerische Schlucht des Verdon.

Nach einem ausgedehnten Segelflug muss natürlich einiges für das leibliche Wohl getan werden. Im Flugplatzrestaurant konnte immer ein ausgedehntes Vier-Gänge-Menü mit Ricard und Rose-Weinen eingenommen werden. Im Herrenhaus wurde uns zusammen mit anderen Gästen, zumeist Motorradfahrern, nach Vorbestellung ein rustikales Vier-Gänge-Menü mit Ricard und schwerem, rotem Landwein serviert. Hier wurden zudem vom Hausherrn schaurig-unterhaltsame Geschichten von vor 150 Jahren zum Besten gegeben, z. B. dass sich eine Magd wegen einer Schwangerschaft erhängte, der damalige Adelige von seiner Frau mit Quecksilber vergiftet wurde und dass es seither in verschiedensten Räumlichkeiten spukt.

So gingen die sieben Tage sprichwörtlich wie im Fluge vorbei und wir können noch lange von den unübertrefflichen Flügen und dem angenehmen Leben in Sisteron träumen.